Einschätzung der weltweiten Erdölreserven
Aktuelle Ölpreis-Entwicklung
Der World Energy Outlook 2008 der IEA
Hintergrundinfo: Die Zukunft der weltweiten Erdöl-Versorgung
1. Einschätzung der weltweiten Erdöl-Reserven
Die Energy Watch Group (EWG) hat mit ihrer Studie „Zukunft der weltweiten
Erdölversorgung” eine umfassende Analyse empirischer Daten zur weltweiten
Erdölförderung vorgelegt (Autoren: Jörg Schindler und Dr. Werner Zittel von LBST).
Die Kernaussagen dieser Studie sind:
Die weltweite Ölförderung hat mit großer Wahrscheinlichkeit das Fördermaximum bereits überschritten und wird weiter zurückgehen. „Peak Oil” ist jetzt. Bis zum Jahr 2030 könnte die weltweite Ölförderung sogar auf die Hälfte sinken (Bild 1).

Bild 1: Übersicht über die weltweite Erdöl-Förderung bis zum Jahr 2030 (Abbildung 7 in der EWG-Erdölstudie, © EWG/LBST)
Die Analyse der Energy Watch Group wird im Prinzip auch von anderen internationalen Institutionen bestätigt und deckt sich mit dem aktuellen Meinungswandel der Internationalen Energieagentur (IEA) und der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). In eindeutigen Aussagen stellen die Konzernspitzen fast aller Erdölkonzerne und selbst OPEC-Insider in Frage, ob die Förderkapazitäten noch nennenswert steigerbar sind.
Darüber hinaus kommt die Situation keineswegs überraschend. Allzu lange wurde das Märchen vom nie versiegenden Erdöl verbreitet. Dabei sahen die Geologen bereits in den 1960er Jahren den Höhepunkt neuer Ölfunde (Bild 2). Seit Mitte der 1980er Jahre sinken die verbleibenden Reserven, denn schon seit 1986 wird weniger Erdöl neu gefunden als gefördert.
Neue Technologien haben es zwar ermöglicht, aus den bekannten Feldern mehr und schneller zu fördern. Doch große Neufunde waren und sind seit Jahrzehnten nicht mehr zu erwarten. Selbst die Erschließung ökologisch und technologisch problematischer Lagerstätten wie die der Arktis oder kanadischer Ölsande werden den Abwärtstrend nicht stoppen können.

Bild 2: Chronologie der jährlichen Ölfunde - nachgewiesene plus wahrscheinliche - und der Ölförderung (Abbildung 15 in der EWG-Erdölstudie, © EWG/LBST)
Auch ein vorübergehend sinkender Ölpreis ist kein Indiz für eine Entspannung. Die Hoffnung auf das Platzen einer angeblichen Spekulationsblase ist vergeblich. Auch höhere Investitionen in Erdölsuche und –Förderung, wie sie immer wieder propagiert werden, werden die Tendenz steigender Preise nicht umkehren. Im Gegenteil: Wenn trotz steigendem Aufwand die geförderte Menge sinkt, steigen auch die Kosten und Analysten erklären, dass sich in einigen Ölregionen die Förderung schon heute erst ab Ölpreisen von bis zu 100 Dollar rechnet. Die Zeit des billigen, leicht zu fördernden Erdöls ist damit endgültig vorbei.
2. Aktuelle Ölpreis-Entwicklung
Welche Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen Angebot und Nachfrage beeinflussen den Ölpreis und welche Rolle spielt die Finanzkrise?
Der Ölpreis bildet das Verhältnis von Angebot und Nachfrage auf dem Weltmarkt ab. Wenn der Preis fällt, ist die Ursache steigendes Angebot oder abnehmende Nachfrage.
Zum Angebot:
In ihrer Studie zur weltweiten Erdölversorgung hat die Energy Watch Group dargelegt, dass es mit bestimmten Techniken möglich ist, aus Ölfeldern kurzfristig eine höhere Menge Erdöl zu fördern. Langfristig fällt die Ölfördermenge jedoch umso schneller und manchmal nimmt durch diese Maßnahmen sogar die insgesamt aus diesen Feldern förderbare Menge ab. Das Bundesamt für Geowissenschaften und Rohstoffe bestätigte kürzlich den Rückgang der weltweiten Ölförderung im Jahr 2007. BGR-Präsident Hans-Joachim Kümpel folgerte daraus: „Erdöl wird der erste Energierohstoff sein, bei dem eine echte Verknappung durch die Endlichkeit der Ressource spürbar wird”.
Zur Nachfrage:
Eine zuvor noch nie gekannte extreme Preissteigerung innerhalb weniger Monate, bis Mitte 2008, löste bei den Verbrauchern weltweit eine Schockwelle aus, die sich bereits vor der Finanzkrise in der Wirtschaft niederschlug (Automobilindustrie und Luftfahrt) und möglicherweise ein wichtiger Auslöser der Finanzkrise selbst gewesen ist (u.a. Geldknappheit bei den Hauskäufern in USA durch steigende Energiekosten). Als Folge brach der Erdölverbrauch ein und damit auch der Preis.
Zur Wirtschaftsentwicklung:
Die bereits messbare Abschwächung des Wirtschaftswachstums weltweit entspannt den Ölmarkt zunächst und könnte gerade bei anhaltender Unsicherheit auf den Finanzmärkten vorübergehend den Preis bestimmen. Sollte sich daraus eine wirtschaftliche Rezession oder gar Depression entwickeln, hätten die Erdöl fördernden Firmen und Länder aber noch weniger Anreize und Geld, um in die weitere Erschließung und Ausbeutung von Ölfeldern zu investieren. Der Rückgang der Ölförderung könnte sich dadurch mittelfristig sogar beschleunigen und selbst in wirtschaftlichen Krisenzeiten das Erdöl verteuern. Bei darauf folgender positiver Wirtschaftsentwicklung wäre dann die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage umso größer und damit auch mögliche Preissprünge.
Daneben nimmt die Finanzkrise aber auch direkten Einfluss auf den Ölpreis: Einige an den Kapitalmärkten aktive Institutionen lösen ihre Anlagen im Rohstoffbereich auf, um sich mit Liquidität (Zahlungsmitteln) zu versorgen, selbst wenn sie dabei wegen fallender Kurse Verluste machen.
Andererseits haben es viele Ölkäufer schwerer, ihre Bestellungen vorzufinanzieren (Transport, Lagerung u.a.) weil Kredite restriktiver und teurer vergeben werden. Auch das schwächt zunächst die Ölnachfrage, führt dann aber zu stärkeren Preisschwankungen und höheren Endverbraucherpreisen.
Sinkende Ölpreise sind also auch ein Zeichen akuter Geldnot und geben keineswegs Entwarnung für eine sichere Versorgung.
3. Der World Energy Outlook 2008 der IEA
Am 12. November legte die Internationale Energieagentur in London ihren jährlichen World Energy Outlook (WEO 2008) vor. Der weltweite Ölverbrauch soll demnach bis 2030 noch einmal um fast ein Viertel zunehmen. „Mit welchen Ölquellen der steigende Bedarf gedeckt werden soll, wie viel die Förderung dieses Öls kosten werde und wie viel die Verbraucher dafür zu zahlen haben werden, ist jedoch äußerst ungewiss, möglicherweise ungewisser denn je”, schreibt darin die IEA wörtlich.
Dennoch zeichnet sie ein optimistisches Bild von den Möglichkeiten, die Erdölversorgung auszuweiten – durch noch nicht erschlossene bzw. noch nicht gefundene Ölfelder, die Verbesserung der Ausbeute, den Abbau von Teersanden und durch andere nicht konventionelle Ressourcen (Bild 3). Einen wachsenden Beitrag zum Ersatz von Erdöl soll verflüssigtes Erdgas liefern, was aufgrund der dort ebenfalls absehbaren Verknappung dagegen aus unserer Sicht kaum möglich scheint. Insgesamt trifft die IEA unrealistische Annahmen über die künftige Versorgung des Erdölmarktes.
Ein Beispiel: So fordert die IEA zwischen 2007 und 2030 den Aufbau neuer Förderkapazitäten im Umfang von drei Vierteln der heute existierenden. Dies entspricht fast dem Sechsfachen der gegenwärtigen Ölförderkapazitäten Saudi-Arabiens. Abgesehen von dem enormen Kapitalbedarf sind entsprechende Funde neuer Öllagerstätten weder bekannt noch absehbar. Die Angaben der IEA hierzu beruhen auf viel zu hohen Mengenangaben, die von Erdölgeologen als „unwahrscheinliche Mengen” deklariert werden.

Bild 3: „World Oil Production Reference Scenario”
Der Rückgang in den fördernden Ölfeldern (dunkelblau) ist deutlich steiler als im Szenario der EWG. Die Lücke zum Bedarf soll laut IEA vor allem durch noch nicht erschlossene (hellblau), noch nicht gefundene (hellrot) und nichtkonventionelle Ölproduktion (grün – u.a. Teersande, gelb – verflüssigtes Gas) geschlossen werden.(Quelle: © IEA WEO 2008)
Doch auch ohne solche Annahmen wurden die Investitionen in Öl- und Gasfelder nominal schon zwischen 2000 und 2007 verdreifacht. Allein bis 2012 sollen diese nochmals um die Hälfte steigen.
Ebenso wie die IEA das künftige Erdölangebot immer viel zu hoch eingeschätzt hat, lagen ihre Preisprognosen regelmäßig viel zu niedrig. Nachdem sie letztes Jahr noch von einem sehr langsamen langfristigen Erdöl-Preisanstieg ausging, hat sie nun den angenommenen Erdölpreis im Jahr 2030 kurzerhand verdoppelt.
Die IEA rechnet damit, dass der Ölpreis bis 2015 durchschnittlich bei 100 US-Dollar pro Barrel liegt und bis 2030 auf lediglich 120 US-Dollar (zu heutigen Preisen) ansteigt. Wir müssen davon ausgehen, dass dieser Wert deutlich früher überschritten wird. Da die IEA-Vorhersage auf unrealistisch hohen Fördermengen beruht, ist dies eher die untere Grenze der Verteuerung von Erdöl.
Fazit:
Die IEA präsentiert sich mit der Vorlage ihres WEO 2008 widersprüchlicher denn je. Einerseits warnt sie so eindringlich wie nie vor der Verknappung des Erdöls. Andererseits prognostiziert sie eine weitere Steigerung der täglichen Ölförderung von heute 85 Millionen Barrel auf 106 Millionen bis zum Jahr 2030. Dabei stellt sie die nicht belegbare Behauptung auf, dass massive zusätzliche Investitionen die von ihr selbst identifizierten Lücken schließen könnten.